
Versorgungssicherheit im Strommarkt: Kapazitätsmärkte und marktbasierte Absicherungspflicht im Vergleich
Versorgungssicherheit im Stromsystem zwischen Markt und Regulierung
Mit der Transformation des Energiesystems entstehen neue Herausforderungen. Durch mehr erneuerbare Energien entsteht eine neue Erzeugungsstruktur, die sich auf die Versorgungssicherheit auswirkt. Während der Anteil der wetterabhängigen Erzeugung steigt, gehen die klassischen, jederzeit verfügbaren, aber teils unflexiblen Kraftwerkskapazitäten zurück.
Klar ist: Die Versorgungssicherheit muss auch in diesem Wandel gewährleistet werden. Für die Umsetzung gibt es jedoch verschiedene Lösungsansätze. Häufig diskutiert werden in diesem Zusammenhang Kapazitätsmärkte als Instrument zur Absicherung gesicherter Leistung, aber es gibt auch Alternativen, wie die marktbasierte Absicherungspflicht. Beide verfolgen das Ziel einer auch in Extremsituationen verlässlichen Stromversorgung, setzen jedoch auf unterschiedliche regulatorische Mechanismen.
Warum der Energy-only-Markt die Versorgungssicherheit nicht mehr sicherstellt
Im heutigen Strommarktdesign werden Erzeuger – mit Ausnahme der Regelenergiemärkte – ausschließlich für die tatsächlich gelieferte elektrische Energie vergütet. Preissetzend ist dabei stets das Kraftwerk mit den aktuell niedrigsten Grenzkosten (Merit-Order vgl. https://www.lupix-energy.com/strommaerkte-in-deutschland/)).
Durch den steigenden Anteil erneuerbarer Energien mit sehr niedrigen Grenzkosten kommt es immer häufiger zu Phasen niedriger oder sehr volatiler Strompreise. Konventionelle, steuerbare Kraftwerke laufen entsprechend seltener und erzielen geringere Erlöse.
Gleichzeitig gibt es Situationen, in denen die erneuerbare Erzeugung nicht ausreicht und auf gesicherte, steuerbare Leistung zurückgegriffen werden muss. Diese Anlagen müssen sich trotz geringer Laufzeiten wirtschaftlich tragen, um die Versorgungssicherheit im Strommarkt nicht zu gefährden.
Die zentrale regulatorische Frage lautet daher:
Wie wird künftig die Bereitstellung gesicherter Leistung im Strommarkt finanziert, wenn diese nur noch selten zur Stromerzeugung eingesetzt wird?
Kapazitätsmärkte im Strommarkt: Funktionsweise und Zielsetzung
Ein Kapazitätsmarkt ist ein regulatorischer Mechanismus im Strommarkt, bei dem Anbieter nicht nur für erzeugte Energie, sondern zusätzlich für die Bereitstellung gesicherter Leistung vergütet werden.
Kapazitätsmärkte ergänzen den bestehenden Energy-only-Markt um eine zusätzliche Vergütungskomponente. Kraftwerke, Speicher oder andere flexible Ressourcen erhalten Zahlungen dafür, dass sie im Bedarfsfall kurzfristig verfügbar sind.
Grundprinzip:
- Anbieter bieten verfügbare Leistung an
- Die Vergütung erfolgt unabhängig von der tatsächlichen Stromerzeugung
- Im Gegenzug besteht eine Verpflichtung zur Verfügbarkeit in Knappheitssituationen
Ziel der Kapazitätsmärkte ist es, langfristige Investitionsanreize für gesicherte Leistung zu schaffen und so die Versorgungssicherheit systematisch abzusichern. Gleichzeitig verändern sie die Preissignale im Energiemarkt und können Preisspitzen dämpfen.
Vor- und Nachteile von Kapazitätsmärkten:
- Hohe Versorgungssicherheit: Gesicherte Leistung wird explizit abgesichert.
- Planungssicherheit für Investoren: Zusätzliche Erlösströme erleichtern Investitionsentscheidungen.
- Systemstabilität: Kritische Situationen können besser abgesichert werden.
- Hohe Kosten: Vergütung für Vorhaltung wird letztlich von den Stromverbrauchern getragen.
- Gefahr von Über- und Unterkapazitäten: Falsch dimensionierte Märkte können ineffiziente Strukturen fördern.
- Technologiebias: Häufig profitieren bestehende fossile Kraftwerke stärker als neue, flexible Lösungen.
- Geringere Marktanreize: Marktbasierte Preissignale verlieren an Bedeutung.
Häufig wird an den Kapazitätsmärkten kritisiert, dass sie strukturelle Probleme überdecken und nicht lösen.
Marktbasierte Absicherungspflicht als Alternative zum Kapazitätsmarkt
Neben Kapazitätsmärkten wird zunehmend auch die marktbasierte Absicherungspflicht als alternatives Instrument zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit diskutiert. Eine entsprechende Ausgestaltung wurde unter anderem von der Connect Energy Economics GmbH untersucht.
Die marktbasierte Absicherungspflicht verpflichtet Stromlieferanten dazu, ihre prognostizierte Nachfrage im Voraus abzusichern und so Verantwortung für die Versorgungssicherheit zu übernehmen.
Die Absicherung kann erfolgen über:
- Terminmarktprodukte
- Bilaterale Lieferverträge
- Eigene Erzeugung
- Speicher
- Nachfrageflexibilität
Im Gegensatz zu Kapazitätsmärkten erfolgt keine zentrale Vorhaltung von Leistung, sondern eine dezentrale Absicherung über bestehende Marktinstrumente.
Vor- und Nachteile der marktbasierten Absicherungspflicht
- Nutzung bestehender Marktinstrumente: Absicherung erfolgt über Termin- und Vertragsmärkte.
- Technologieoffene Lösungen: Marktteilnehmer können selbst wählen, wie sie ihre Absicherung erfüllen.
- Starke Anreize für Flexibilität und Speicher: Flexible Ressourcen werden wirtschaftlich attraktiv.
- Kosteneffizienz: Wettbewerb senkt die Gesamtkosten der Versorgungssicherheit.
- Höhere Anforderungen: Marktteilnehmer müssen Risiko aktiv managen.
- Komplexere Bewertung: Preis- und Mengenrisiken werden anspruchsvoller.
- Marktabhängigkeit: Funktionierende Termin- und Flexibilitätsmärkte sind Voraussetzung.
Statt auf Vorhaltung setzt die Absicherungspflicht auf Risikomanagement und marktwirtschaftliche Anreize.
Direkter Vergleich: Kapazitätsmarkt vs. marktbasierte Absicherungspflicht
| Kapazitätsmärkte | Marktbasierte Absicherungspflicht | |
| Grundidee | Vergütung für Kapazitätsvorhaltung | Verpflichtung zur Nachfrageabsicherung |
| Steuerung | Stark reguliert | Marktbasiert |
| Kostenwirkung | Zusätzliche Umlagen | Kosten durch Marktpreise |
| Technologieneutralität | Eingeschränkt | Hoch |
| Rolle der Flexibilität | Nachrangig | Zentrale Rolle |
| Risikoallokation | Staat/ Verbraucher | Marktteilnehmer |
Ausblick: Regulierte oder marktbasierte Absicherung der Versorgungssicherheit?
Beide Mechanismen verfolgen das Ziel, die Versorgungssicherheit im Strommarkt auch unter veränderten Erzeugungsstrukturen zu gewährleisten. Während Kapazitätsmärkte auf zentrale Regulierung setzen, beruht die marktbasierte Absicherungspflicht stärker auf Wettbewerb, Preissignalen und dezentraler Verantwortung.
In zunehmend erneuerbaren und dezentralen Energiesystemen spricht vieles dafür, marktorientierte Mechanismen weiterzuentwickeln, um technologische Offenheit und Flexibilität zu fördern. und steiler. Flexibilität war noch nie so konkret relevant wie jetzt.
Fazit: Versorgungssicherheit zwischen Markt und Regulierung
Kapazitätsmärkte können einen Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten, sind jedoch kostenintensiv und mit regulatorischen Eingriffen verbunden. Die marktbasierte Absicherungspflicht verlagert Verantwortung stärker in den Markt, erfordert jedoch funktionierende Termin- und Flexibilitätsmärkte.
Eine Kombination beider Ansätze könnte einen Mittelweg darstellen: Marktbasierte Absicherung reduziert den Bedarf an zentral vorgehaltener Leistung, während ergänzende Kapazitätsmechanismen Extremsituationen absichern.
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So entsteht Transparenz darüber, welche Marktmechanismen sich abzeichnen, welche Risiken und Chancen damit verbunden sind und wie sich Unternehmen frühzeitig auf veränderte Strukturen im Strommarkt einstellen können.

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FAQ: Häufige Fragen zu Versorgungssicherheit, Kapazitätsmärkte & Absicherungspflicht.
Was ist Versorgungssicherheit im Strommarkt?
Versorgungssicherheit bezeichnet die Fähigkeit des Stromsystems, zu jedem Zeitpunkt ausreichend elektrische Leistung bereitzustellen, um die Nachfrage zu decken – auch in Situationen wie Dunkelflauten oder Lastspitzen.
Warum wird der Energy-only-Markt infrage gestellt?
Der Energy-only-Markt vergütet ausschließlich erzeugte Energie. Mit sinkenden Laufzeiten steuerbarer Kraftwerke fehlen jedoch Investitionsanreize für gesicherte Leistung, die nur selten benötigt wird, aber systemrelevant ist.
Was ist der Unterschied zwischen Kapazitätsmarkt und Absicherungspflicht?
Kapazitätsmärkte vergüten zentral die Vorhaltung von Leistung. Die marktbasierte Absicherungspflicht verpflichtet Stromlieferanten, ihre Nachfrage eigenverantwortlich über Marktinstrumente abzusichern.
Warum gelten Kapazitätsmärkte als starker regulatorischer Eingriff?
Weil sie zusätzliche Umlagen verursachen, Investitionsentscheidungen beeinflussen und marktbasierte Preissignale teilweise ersetzen oder abschwächen.
Ist die marktbasierte Absicherungspflicht technologieoffen?
Ja. Marktteilnehmer können selbst entscheiden, wie sie ihre Absicherung erfüllen – etwa über Erzeugung, Speicher, Flexibilität oder Verträge.
Welche Rolle spielt Flexibilität bei der Versorgungssicherheit?
Flexibilität – etwa durch Speicher oder Lastverschiebung – wird insbesondere in marktbasierten Modellen zu einem zentralen Element zur Absicherung von Knappheitssituationen.
Bildquelle: iStock hrui



