
Energie ist für die Industrie längst nicht mehr bloß ein Kostenblock, sondern ein strategischer Faktor. Investitionen in Elektrifizierung, Ladeinfrastruktur und eigene Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien treffen auf volatile Märkte und neue Spielregeln der Energiewende. Beschaffung und Bilanzkreisführung liegen im Alltag zurecht bei Energieversorgern. Für die eigene Energiestrategie hilft es dennoch, die zentrale Marktarchitektur zu verstehen und Entscheidungen daran auszurichten. Die wichtigsten deutschen Märkte sind hier grafisch dargestellt und im Folgenden näher beschrieben:

Spotmarkt: DayAhead und Intraday bestimmen den kurzfristigen Takt
Der Spotmarkt ermöglich das kurzfristige Handeln mit Strommengen und gehört zu den „Energy-Only“-Märkten, auf denen kWh Energie gehandelt werden.
Der DayAheadMarkt bildet heute die Preise für den Folgetag. Gebote müssen dabei bis 12:00 eingegangen sein. Bis vor kurzem fand dieser Handel in stündlicher Auflösung statt, seit dem 1. Oktober 2025 wird in Deutschland nun in 15MinutenZeitscheiben gehandelt, was Prognosen und Fahrpläne feiner mit Einspeisung und Last verzahnt.
Als weiteren wichtigen Markt können im Intraday Positionen bis kurz vor Lieferung nachgesteuert werden. Neben kontinuierlichem Handel nach einem Order-Book-Prinzip gibt es auch IntradayAuktionen. In Deutschland endet der kontinuierliche Handel typischerweise fünf Minuten vor dem jeweiligen Lieferviertelstundenbeginn.
In Deutschland laufen beide Märkte z.B. über die EPEX SPOT mit Sitz in Paris und sind darüber in die europäische Marktkopplung integriert, was Liquidität und Preisfindung stärkt. Diese Märkte bilden das kurzfristige Marktgeschehen und wetterbedingte Schwankungen ab und sind damit der Taktgeber für operative Fahrpläne und Flexibilitäten. Ein typischer Tagesverlauf am Day-Ahead-Markt, wie er z.B. im Rahmen dynamischer Stromtarife auch direkt an den Endverbraucher weitergegeben wird, sieht dabei wie folgt aus:

Diese Preisverläufe lassen sich tagesaktuell über die SMARD-Plattform der Bundesnetzagentur analysieren und auch mit nationalen Erzeugungs- und Verbrauchsmustern gemeinsam darstellen: https://www.smard.de/home
Exkurs: Wie Strompreise entstehen: MeritOrder – auf einen Blick
Im DayAhead sortiert der Preisalgorithmus die Gebote der Erzeuger nach ihren kurzfristigen Grenzkosten und Abnehmer nach ihrer Zahlungsbereitschaft, man spricht von der Merit-Order. Dort, wo Angebots und Nachfragekurve sich schneiden, entsteht je Zeitscheibe der markträumende Preis, der sogenannte Clearing Price. Dieser gilt dann für alle erfolgreiche Gebote links des Schnittpunktes im „pay-as-cleared“-Verfahren. Alle Gebote rechts des Schnittpunktes kommen nicht zum Zuge. Das erklärt niedrige Preise bei hohem Wind und PV-Einspeisung, die sehr niedrige Grenzkosten haben und höhere Preise, wenn konventionelle Anlagen preissetzend werden, die hohe Brennstoffkosten besitzen.

Terminmarkt: Absicherung entlang der Strompreiskurve, an der Börse und OTC
Am Terminmarkt (Futures-Markt) sichern Energieversorger und größere Verbraucher ihre Beschaffung über längere Zeiträume ab.
An der EEX Leipzig (European Energy Exchange) werden standardisierte Produkte wie Base- und Peakload-Futures mit Laufzeiten von Tagen bis Jahren gehandelt. Sie bilden die Basis für Preisabsicherungen über sogenannte Hedge-Quoten.
Neben der Börse werden viele Verträge außerbörslich im sogenannten OTC (Over-the-Counter) Markt abgeschlossen. OTC-Handel erlaubt maßgeschneiderte Profile und flexible Arrangements zwischen Erzeuger und Verbraucher bzw. Händler, während Börsenhandel Transparenz und reduziertes Gegenparteirisiko bietet. In der Praxis existieren beide Wege nebeneinander und ein signifikanter Teil des europäischen Stromhandelsvolumens verschiebt sich seit einigen Jahren in Richtung börsengeclearter Geschäfte. Für industrielle Entscheider bedeutet das: Die Preislinie Ihrer mehrjährigen Beschaffungsstrategie oder Beschaffungstranchen speist sich überwiegend aus Terminmarktabschlüssen. Ob diese an der Börse oder OTC zustande kommen, beeinflusst Risiken, Margins und Reporting, aber nicht die physische Belieferung, die weiterhin über Ihren Lieferanten läuft, der sich aber natürlich über dieselben Mechanismen und Märkte absichert, wenn er langfristige Lieferverträge eingeht.
Regelenergie: Systemstabilität als eigene, eng vernetze Märkte
Abweichungen zwischen Erzeugung und Entnahme bleiben trotz guter Prognosen nicht aus. Um die Systemstabilität des europäischen Verbundnetzes nicht zu gefährden, müssen diese aber kurzfristig ausgeglichen werden. Dies übernehmen nicht die Energieversorger selbst sondern die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz, Amprion, TenneT und TransnetBW beschaffen genauso wie ihre europäischen Counterparts dafür Regelleistung und rufen bei Bedarf Regelarbeit ab. Kapazitäten für FCR (Frequency Control Reserve – Primärregelleistung), aFRR (automatic Frequency Restoration Reserve – Sekundärregelleistung) und mFRR (manual Frequency Restoration Reserve – Minutenreserve) werden in Deutschland in vierstündigen Produkten ausgeschrieben und sind dafür geeignet sehr kurzfristige bis mittelfristige Abweichungen auszugleichen und die Netzfrequenz stabil zu halten. Die zeitliche Struktur des Abrufes sieht dabei wie folgt aus:

Für industrielle Flexibilitäten wie Batteriespeicher oder flexible Prozesse entstehen dadurch zusätzliche Vermarktungspfade, die jedoch professionelle Präqualifikation und Vermarktung benötigen.
Was heißt das für die industrielle Energieversorgung?
Im Normalfall übernimmt Ihr Versorger diese Komplexität. Er sichert Fahrpläne am Terminmarkt ab, optimiert Abweichungen über DayAhead und Intraday und verlässt sich für Systemstabilität auf die Regelleistungsmechanismen. Für eine belastbare Energiestrategie lohnt es sich dennoch, die Zusammenhänge zu kennen. So lassen sich HedgeQuoten definieren, Flexibilitäten bewerten, Eigenerzeugung und PPAs einordnen und Investitionen in Speicher, Lastmanagement oder Prozesswärme gegen Marktszenarien prüfen.
Von Marktverständnis zu Energiestrategie: wie Lupix Energy unterstützt
Lupix Energy schafft Transparenz über die Mechanik und Chancen von Spot-, Termin- und Regelenergiemärkten und ordnet deren langfristige Wechselwirkungen im Kontext der Energiewende ein. Auf dieser Basis entwickeln wir individuelle Strategien, die Ihre Energieversorgung robuster machen und Kostenrisiken gezielt steuern. Dabei betrachten wir nicht nur Märkte, sondern das gesamte Energiesystem Ihres Unternehmens – von der Beschaffung über die Erzeugung und Nutzung bis hin zu regulatorischen Rahmenbedingungen. So entsteht eine Energiestrategie, die Technik, Wirtschaftlichkeit und Recht verbindet und Ihre Transformation aktiv unterstützt. Wenn Sie Ihre Energiezukunft strukturiert gestalten und Entscheidungen auf einer fundierten Basis treffen wollen, sprechen Sie uns an – gemeinsam machen wir Ihre Energie zur Stärke Ihres Unternehmens.
FAQ: Strommärkte in Deutschland
Der deutsche Strommarkt basiert auf Angebot und Nachfrage. Erzeuger bieten ihre Strommengen an, während Energieversorger und Großverbraucher Energie abnehmen. Der Preis entsteht über die sogenannte Merit-Order, bei der das günstigste Gebot den Zuschlag erhält, bis der Bedarf gedeckt ist. Die wichtigste Handelsplattform ist die EPEX SPOT für den kurzfristigen Handel (Day-Ahead, Intraday) sowie die EEX Leipzig für Terminprodukte.
Am Day-Ahead-Markt wird Strom für den Folgetag gehandelt – Gebote müssen bis 12 Uhr des Vortags abgegeben werden.
Der Intraday-Markt erlaubt Nachsteuerungen bis kurz vor Lieferbeginn (typisch: fünf Minuten vor Viertelstundenstart). Damit reagieren Marktteilnehmer auf kurzfristige Änderungen, z. B. wetterbedingte Schwankungen bei Wind- oder PV-Erzeugung.
Die Preise entstehen über die Merit-Order: Stromerzeuger werden nach ihren Grenzkosten sortiert. Das teuerste noch benötigte Kraftwerk bestimmt den Markträumungspreis („Clearing Price“) für alle erfolgreichen Gebote. Dadurch sinken Preise bei hoher Einspeisung erneuerbarer Energien und steigen, wenn konventionelle Anlagen preissetzend werden.
Am Terminmarkt sichern Energieversorger, Händler und Industrieunternehmen ihre Preise für Wochen, Monate oder Jahre im Voraus ab. Diese sogenannten Futures werden z. B. an der EEX Leipzig gehandelt und helfen, Preisrisiken entlang der Strompreiskurve zu minimieren. Ergänzend ermöglichen OTC-Geschäfte (Over-the-Counter) individuelle, bilaterale Verträge.
Regelenergie gleicht kurzfristige Abweichungen zwischen Erzeugung und Verbrauch aus. Sie wird von den Übertragungsnetzbetreibern in Form von FCR (Primärregelleistung), aFRR (Sekundärregelleistung) und mFRR (Minutenreserve) beschafft. Diese Märkte stabilisieren die Netzfrequenz und sichern die Stromversorgung. Auch industrielle Flexibilitäten – etwa Batteriespeicher – können hier Erlöse erzielen.
Bild No1: Galeanu Mihai
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